Erna de Vries besucht das Kollegium der Grund- und Oberschule Lathen

Verfasst am März 21, 2018

 

Erhält eine Schule einen neuen Namen, ist dies ein gewichtiger Schritt. Bestenfalls verbindet sich mit der Namensgebung mehr als ein neues Etikett, das die Bildungsstätte in Zukunft ziert. Die Verankerung der mit dem Namen einhergehenden Werte und Aufgaben in das Erbgut der Schule werden dann zum Ziel eines fortlaufenden Aneignungsprozesses, der es ernst meint.

Als auf Einladung der Schulleitung Frau de Vries am 28. Februar nachmittags zum Kaffeetrinken in der Mensa der Schule eintraf, wurde sehr schnell klar, dass mit der Lathenerin, die durch ihr fortwährendes Wirken die Erinnerung an die Verbrechen des Holocaust, aber auch die erfahrene Mitmenschlichkeit bewahrt, eine Persönlichkeit den Namen der Schule prägen wird, die in ihrer aufrichtigen Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit rasch die unmittelbare Sympathie der versammelten Lehrerinnen und Lehrer gewann, die sie größtenteils noch nicht persönlich angetroffen hatten.

Frau de Vries interessierte sich sehr für die Frage, welche Mitglieder des Kollegiums denn Lathener Wurzeln hätten, und begann zu berichten, wie ihr Weg sie nach Lathen geführt hatte. Dabei schilderte sie zunächst vor allem einen Leidensweg, der mit Ausgrenzungen in ihrer Heimat Kaiserslautern begann, über die Entrechtung und Verstoßung der jüdischen Deutschen führte und schließlich in der Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands, in Auschwitz, seinen absoluten Tiefpunkt fand, wo sie um ein Haar den grausamen Tod gestorben wäre, den ihre Mutter Jeanette Korn, geb. Löwenstein dort erleiden musste.

Die Tatsache, dass ihr Vater Jacob Korn Protestant war, rettete ihr nach der menschenverachtenden Rassenlogik der Nazis in letzter Sekunde das bisschen Leben, dass ihr nach den überstandenen Torturen geblieben war. Sie wurde in ein anderes KZ, nach Ravensbrück, überstellt, wo ihr, man fasst es kaum, die in Auschwitz abgenommen Gepäckstücke ausgehändigt wurden: „Deutsche Gründlichkeit“, nannte Frau de Vries diese Perversion eines Transportsystems, das auf die Ausplünderung der letzten Habseligkeiten der jüdischen Bevölkerung Europas ausgerichtet war.

Als der Zweite Weltkrieg sein Ende fand, wurden die Überlebenden vieler KZs von den Lagerführungen auf Todesmärsche geschickt, um Spuren zu verwischen und letzte, oft ungestrafte Morde zu begehen. Erna de Vries überlebte durch die Unterstützung gutherziger Menschen ihres Umfeldes, so wie sie zuvor auch andernorts Hilfe erfuhr, dieses letzte Verbrechen an ihr und der Menschlichkeit an sich. Nach der Stunde Null konnte sie neue Kräfte entwickeln, die es der jungen Frau ermöglichten, nach vorne zu schauen. Nachdem sie in Köln, in ihrem Familienkreis, ihren späteren Ehemann Josef de Vries, der ebenfalls das KZ Auschwitz überlebt hatte, kennenlernte, zogen die beiden als Ehepaar in den Wohnort Josefs, nach Lathen. Eine Übersiedelung nach Israel fand nicht statt, da Josef de Vries seine Heimat nicht zu verlassen im Stande war, und Erna bei ihrem Gatten bleiben wollte.

Frau de Vries schilderte diese Ereignisse eindringlich und mit ruhiger Stimme, beantwortete gerne die Nachfragen des Kollegiums. Ihre Haltung ist Vorbild, ihre Art des Umgangs beispielgebend, ihre Botschaft ist kraftvoll: Die erfahrene Mitmenschlichkeit hielt sie in allem angetanen Schrecken aufrecht, ermöglichte ihr die Bewahrung der eigenen Identität in einem System, das die absolute Vernichtung der Menschen und des Menschlichen verfolgte.

Wir sind froh, dass Erna de Vries uns die Ehre gewährt, die Schule nach ihr benennen zu dürfen. Wir werden danach streben, den besagten Aneignungsprozess erfolgreich zu gestalten, so dass alle Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler dem Vorbild Frau de Vries dasjenige für sich gewinnen können, das im Zentrum ihrer Botschaft steht:


Die Kraft der Mitmenschlichkeit.